Interview mit Thomas Zebunke, Landratskandidat der Grünen in der Wetterau

Herr Zebunke, mal ganz ehrlich: Wollen Sie wirklich Landrat im Wetteraukreis werden?

Ja, weil das eine Position ist, in der man viel gestalten kann – und weil hier in der Wetterau noch Gestaltungsmöglichkeiten bestehen. Und weil ich nicht will, dass es politisch so weitergeht wie in den letzten zwei Jahren großer Koalition. In der Kreisverwaltung gibt es sehr gute Leute, aber in die politische Führung muss neue Dynamik reinkommen. Mir ist es wichtig, Themen nach vorne zu bringen, die die anderen Kandidat*innen nicht besetzen können. Ich denke da vor allem an Umwelt und Natur, an soziale Gerechtigkeit und an eine andere Wirtschaftspolitik. Die Wetterau kann mehr, wenn wir mehr draus machen!

Ihre Motivation besteht also nicht nur darin, die Wetterauer Bienen zu retten?

Natürlich nicht nur. Die Bienen sind ein Symbol, ökologisch wie auch ökonomisch sehr wichtig und Sympathieträger. Obstanbau zum Beispiel ist ohne sie nicht möglich. Wir erreichen so auch Aufmerksamkeit für das Aussterben der Wildbienen und anderer Insekten. Hier haben wir wirklich ein Problem, deshalb meine ich es mit den Bienenschutzgebieten ernst, und damit bin ich auch nicht alleine: Es gibt schon Projekte auf Landes- und auf Bundesebene und in Zukunft auch Förderprogramme der EU.

Was qualifiziert Sie denn außer Ihrem naturwissenschaftlichen Hintergrund für das Amt?

Ich weiß, wie Politik umgesetzt wird, gerade auch mit großen Verwaltungen. Meine erste feste Stelle nach der Hochschule hatte ich übrigens vor 30 Jahren im Umweltamt des Wetteraukreises. Dann ging es in den Landesdienst, wo ich mich mit allen Themen rund um den ländlichen Raum befasst habe. Ich bin lange genug dabei, um zu verstehen, worum es geht und was zu tun ist – aber noch nicht müde oder verbraucht. Ich kann Vieles, was der scheidende Landrat zurücklässt, besser weiter führen als die Mitbewerber*innen, und ich denke, ich passe in diese Region.

Sie kommen ursprünglich nicht aus der Wetterau, sondern aus einer Kleinstadt im Bergischen Land. Ist das kein Nachteil?

Nein, ganz bestimmt nicht. „Eingeplackte“ bringen etwas Neues mit, sie tragen zur Vielfalt bei. Im Übrigen gibt es heute ja kaum noch jemanden, der sein ganzes Leben an einem Ort verbringt. Ich lebe seit 35 Jahren in Hessen, davon 15 in Friedberg. Ich kenne mich hier aus.

Kleiner Test, wie gut Sie die Wetterau kennen: Bitte nennen Sie die drei größten Stärken und Schwächen des Landkreises.

Als nachteilig sehe ich, dass 1. Verkehrsmittel falsch entwickelt werden, 2. die Beziehung zur Großstadt schlecht gestaltet wird (im Westkreis wird alles dem Sog nach Frankfurt untergeordnet, und der Ostkreis verliert den Anschluss) und 3. dass die tolle Landschaft durch übertriebene Nutzung stellenweise zerstört wird. Stärken sind 1. die Dynamik und Schaffenskraft der Einwohner, 2. die Lage im Herzen Hessens und 3. die landschaftliche Vielfalt. Es war ein schwieriger Weg, hier Landschaftspflege und extensive Landwirtschaft zu etablieren. Aber inzwischen sind wir Modellregion für Ökolandbau – da bewegt sich also was.

Wo fühlen Sie sich zu Hause, und was bedeutet der Begriff Heimat für Sie?

Zu Hause ist da, wo meine Familie ist, wo ich die Nachbarn kenne, wo es nicht weit zu meinen Freunden ist. Für mich ist das Friedberg. Heimat ist schon schwieriger zu definieren. Vielleicht ist das der Bereich, den ich mir mit dem Rad erfahren kann, oder die Landschaft, in der ich mich viel und gerne aufhalte. Die Wetterau ist es im Laufe der Jahre geworden.

Was hält Ihre Familie von Ihrer Kandidatur?

Ehrlich gesagt waren meine Frau und meine Tochter anfangs nicht so begeistert von der Aussicht, an jeder Ecke ein Plakat von mir hängen zu sehen. Aber jetzt ziehen sie mit und unterstützen mich auch im Wahlkampf. Sie finden mein Engagement gut. Meine 15-jährige Tochter hat gesagt: „Mein Vater weiß, was er will, und er zieht das durch.“ Mal sehen, was sie sagt, wenn demnächst ein Plakat gegenüber ihrer Schule hängt...

Zu Ihrem Privatleben gehört auch ehrenamtliches Engagement in zwei Naturschutzverbänden, Triathlon und das Saxofonspielen. Was davon sind Sie bereit für den Job als Landrat zu opfern?

Nicht sehr viel, muss ich auch nicht, denn ich kann mich gut organisieren, und ein hohes Arbeitsquantum bin ich gewohnt. Im Übrigen mache ich auch nicht alles gleichzeitig. In dieser Jahreszeit fahre ich zum Beispiel kaum Fahrrad, dafür mache ich mehr Musik, schwimme oder laufe nur gelegentlich. Das ist mein mentaler Ausgleich, das brauche ich zum Abschalten. Im Sommer ist das anders, da bin ich viel auf Straßen, Waldwegen und im Wasser unterwegs. Die Arbeit in den Verbänden müsste dann allerdings aufhören, die verträgt sich nicht mit dem Landratsposten.

Ihren Job im hessischen Umweltministerium müssten sie auf jeden Fall aufgeben. Was wird Ihnen davon fehlen?

Verlieren würde ich wohl den engen Kontakt zum Beispiel zum Ökolandbau auf Landes- und Bundesebene. Tätigkeiten, die ich immer gerne gemacht habe wie Qualitätsmanagement oder Förderung von Marketingprojekten gehören auch zur Jobbeschreibung eines Landrats. Die Erfahrungen und Kenntnisse lassen sich auch in einer Kreisverwaltung einsetzen, sie werden mir helfen, die organisatorischen Abläufe in der neuen Arbeitsumgebung schnell zu verstehen. Mein Radius würde natürlich kleiner – der Wetteraukreis ist eben nicht Hessen. Dafür steigt die Vielfalt der Aufgaben, und ich lerne andere Menschen kennen. Ich muss Landrat jedenfalls nicht lernen.

Woran merkt man dem Privatmenschen Thomas Zebunke an, dass er Grüner ist?

Ich reduziere das Autofahren weitgehend, fahre seit vier Jahren Hybrid und will bald auf Elektro umsteigen. Ich versuche, soweit es geht, Energie zu sparen und beim Konsum auf umweltschädliche Dinge zu verzichten. Ich bilde mir schnell eine Meinung auf Faktenbasis und versuche, die Menschen für die ökologische Mitte zu gewinnen. Schon als Student habe ich mich für Bürgerrechte engagiert. Das ist schon mit einem gewissen Sendungsbewusstsein verbunden. Ich leide, wenn ich Naturzerstörung oder Tierquälerei erleben muss, soziale Ungerechtigkeit und Rechtsradikalismus macht mich auch schon mal wütend.

Sie wirken immer recht sachlich und ernst. Können sie auch volksnah?

Echt, ist das so? Im Straßenwahlkampf quatsche ich jeden an, und das funktioniert auch ganz gut. Berührungsängste habe ich keine, die habe ich mir schon abgewöhnen müssen, als ich noch mit einer Street-Band durchs Land gezogen bin. Auch im sportlichen Wettkampf oder im Stadion bin ich ein anderer. Mit dem Wetterauer Menschenschlag komme ich sehr gut zurecht. Was ich allerdings nie machen werde, ist, nur wegen eines Fotos für ein paar Minuten zu einer Veranstaltung zu gehen. Ich werde immer versuchen, ein Angebot mitzubringen und eine Erfahrung mitzunehmen – und das heißt reden und zuhören.

Gäbe es mit Ihnen als Landrat auch „Wandern mit dem Landrat“ oder „Radtouren mit dem Landrat“ wie mit Noch-Amtsinhaber Joachim Arnold?

Arnold hat mit diesen Aktionen das Thema Landschaft immer gut besetzt und Kontakte aufgebaut. Das sehe ich durchaus positiv, und ich denke, ich kann das besser als meine Mitbewerber*innen. Ich kann mir gut vorstellen, das weiterzuentwickeln. Vielleicht kommen zum Wandern und Radfahren mal ein Poetry-Slam oder eine Jazz-Session dazu.

Und wie können die Wähler sicher sein, dass Sie nicht bei der ersten Gelegenheit in den Vorstand der OVAG wechseln?

Zur OVAG würd ich nur gehen, wenn sie komplett auf erneuerbare Energien umstellt… kleiner Scherz. In Wirklichkeit interessiert mich der Posten nicht, und finanziell unabhängig bin ich auch. Stattdessen würde ich das, wofür ich gewählt wurde, vollenden und mich danach ökologischen und sozialen Projekten widmen.

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