Mit dem Blick zurück auf die agrarpolitischen Festtage zum Jahresanfang (Landwirtschaftliche Wochen in Nord- und Südhessen, Grüne Woche in Berlin, Biofach in Nürnberg und Land & Genuss in Frankfurt) bei denen wieder mal viel zum ländlichen Raum zu hören war ist es wieder einmal Zeit, dazu Gedanken aus der Wetterau zu formulieren.

Der Bundespräsident sagte beim Zukunftsforum ländliche Entwicklung auf der Grünen Woche in Berlin zur Verantwortung des Staates für die ländlichen Räume: „Eine gute Infrastruktur auf dem Land ist mehr als Daseinsvorsorge, sie ist Dableibevorsorge.

So etwas hört man seit Jahren auf allen politischen Ebenen, allerdings sind die großen politischen Entwicklungen seit Jahrzehnten völlig andere, die beklagten Gegensätze nehmen zu.

Die Finanzmittel zur Entwicklung sind sehr ungleichgewichtig verteilt. Für die Zentren gibt es neben den öffentlichen Fonds zur Wirtschaftsförderung eine sehr große private Investitionsbereitschaft. Dem gegenüber sind die Mittel der ‚Entwicklungspolitik für den ländlichen Raum‘ weitaus geringer bemessen. Nach den ersten Verlautbarungen zur neuen Förderperiode der EU soll immer mehr Geld für die klassischen Agrarprogramme und Direktzahlungen an die Landwirtschaft ausgegeben werden und entgegen allen Ankündigungen wieder mal weniger für die ländliche Entwicklung und zu wenig für Agrarumweltprogramme. Die Nationalstaaten sollen das zwar variieren können, aber aus Berlin ist nichts zu hören, was das o.g. Ziel besonders unterstützen würde.

Ergebnis z.B. für die Wetterau, die genau auf der Grenzlinie liegt: Die Bewohnerinnen und Bewohner des ländlichen Raumes werden weiter erst in die Stadt zur Arbeit pendeln und irgendwann in den Speckgürtel ziehen, denn die Stadt ist zu teuer geworden. Unter dem Strich heißt das, das Land wird leerer, daran können auch die positiven Zahlen der letzten Jahre in einigen Kommunen des Kreises nicht viel ändern, Stadt wird aufgrund regionaler, nationaler und internationaler Wanderungsbewegungen noch voller und immer teurer. Der Siedlungs- und Verkehrsdruck auf die Zone dazwischen wird immer größer.

Es wird viel von einer Stärkung des ländlichen Raums gesprochen, tatsächlich richten sich die meisten Planungen und Finanzströme fast nur auf die Belange von Oberzentren oder Ballungsräumen aus.

Die großen Entwicklungslinien in den Köpfen der Raumplaner und Wirtschaftspolitiker (Rotterdam-Genua oder Ruhrgebiet-Frankfurt-Nordbayern) durchschneiden die Wetterau und wissen meist gar nicht was dort ist. Die entlang der Main Weser-Bahn oder zwischen A5 und A45 Lebenden fahren besser damit, als die östlich davon. In Oberhessen, im Vogelsberg werden Arbeitsplätze in Logistikzentren entlang der östlicheren der beiden Autobahnen versprochen. Das erscheint zunächst immer noch besser als nach Frankfurt zu fahren, zumindest für die wenigen Betroffenen. Letztendlich werden auch damit die Versorgung der Großstädte und damit deren Wachstum weiter gefördert mit allen negativen Folgen für diese und für die Herkunftsgebiete der Landflüchtigen.

Lösung: Eigene Potenziale entdecken, wertschätzen und ausbauen und dazu müssen die Finanzierungsströme umgekehrt und die Planungsinstrument – welch furchtbares Wort – geändert werden. Das was bisher in die ländlichen Regionen an öffentlicher Förderung ging, ist gerade mal für Kosmetik genug. Es könnten viele engagierte und kreative Leute gehalten oder dorthin geholt werden, aber die Förderprogramme sind unterversorgt und kompliziert.

Die Planungen müssen im kleinen Rahmen flexibel bleiben aber auch nicht missbraucht werden. Bevölkerungsprognosen und Leerstandsquoten müssen aktualisiert und hinterfragt werden. Es muss nämlich gar nicht sein, dass 30.000 Menschen mehr in die Wetterau kommen. Das ist kein Grund stolz zu sein und auch nicht unvermeidbar. Eine eigenständige Leistung wäre vielmehr, wenn die Menschen in den ländlicheren Bereichen bleiben könnten und nur ein kleinerer Teil im Bestand an Wohnungen und wirklich neuen Arbeitsplätzen versorgt würden.

Dazu sollten wir mehr Energie darauf verwenden, mehr Wertschöpfung auf dem Dorf zu lassen und da wo das nicht geht brauchen wir eine Renaissance der Mittelzentren, deren semizentrale Versorgungsfunktion ist zu stärken, denn für jedes Dorf wird es beim besten Willen nicht reichen. Wir brauchen mehr Beratung und Förderung in kleinere Wirtschaftskreisläufe und Versorgungssysteme. Die Landeszuweisungen für Mittel- und Unterzentren müssen deutlich wachsen.

Hessen will hierzu noch einiges auf den Weg bringen. Die Ansätze heißen ‚Vitale Städte‘, ‚Aktionsplan ländlicher Raum‘ und den Ökoaktionsplan gibt es schon länger.

Von unserer Kreispolitik erfordert das, die regionale Strukturpolitik nicht weiter für Entwicklungen einzusetzen, die sich dem vorherrschenden Trend unterordnen und überall dort nachzufassen, wo eigene Potenziale erkennbar werden. ‚Wetterau weiter denken‘ heißt zu zeigen, dass es auch anders geht‘!

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